Kopf-Hals-Tumore im Alter früh erkennen und richtig behandeln

Von: Prof. Dr. med. Stephan Haerle

Themen: Kopf und Gehirn, Krebs, Hals

26. Mai 2016 – Besteht bei älteren Personen eine chronische Heiserkeit oder Schluckstörung über mehrere Wochen, sollten diese fachmännisch abgeklärt werden.

Peter Walliser (91-jährig) ist passionierter Jasser und Spaziergänger. Er redet nicht viel, dennoch bemerken er und seine Ehefrau eine zunehmend heisere Stimme während den letzten drei Monaten. Beim Jassen fiel dies nicht besonders auf, doch die Ehefrau realisiert bei ihm ein vermehrtes Husten nach dem Essen. Insgesamt ist Peter Walliser kein guter Esser und es hat ihn selber nie gestört, dass ihm zwischendurch grosse Bisse teilweise im Hals stecken blieben. Die Tochter des Ehepaares ist Physiotherapeutin und drängte ihren Vater, einen Hals-Nasen-Ohren (HNO)-Arzt aufzusuchen, um die Stimme und die Schluckfunktion abzuklären.

Frühsignale richtig deuten

Eine endoskopische Untersuchung des Halses und der Stimmbänder kann problemlos und ohne grossen Aufwand in der Praxis durchgeführt werden. Sollten Unstimmigkeiten oder Auffälligkeiten festgestellt werden, erfolgt in der Regel eine weiterführende Diagnostik im Sinne einer Röntgenuntersuchung oder Gewebeprobe. Diese zeigt, ob allenfalls ein Tumorleiden hinter den Beschwerden steckt. Ausserdem können andere relevante Ursachen wie eine Struma (im Volksmund «Kropf») ausgeschlossen werden. Nicht selten kann eine vergrösserte Schilddrüse mit der Zeit im Alter zu ähnlichen Beschwerden führen.

Multidisziplinäre Fallbesprechung

Sollte in der Tat eine Geschwulst – gut oder bösartig – den Beschwerden zugrunde liegen, wird der Fall an einer interdisziplinären Fallbesprechung (Tumorboard oder Schilddrüsenboard) vorgestellt und mit den diversen Spezialisten diskutiert. Bei bösartigen Kopf-Hals-Tumoren (inklusive Hauttumoren) ist die Meinung vom HNO-Chirurgen, aber auch diejenige des Radio-OnkologenOnkologe: Spezialist für Krebserkrankungen (Bestrahlung), OnkologenOnkologe: Spezialist für Krebserkrankungen (Chemotherapie), u.a. gefragt. Zusammen wird in Absprache mit dem Patienten nach den aktuellsten Richtlinien die beste Therapieform erarbeitet und initialisiert. Bei Schilddrüsenerkrankungen sind es nebst dem HNO-Arzt auch die Spezialisten der Disziplinen Endokrinologie (Stoffwechsel) und Nuklearmedizin (Radioaktive Radiologie), welche bei der Fallbesprechung anwesend und relevant sind. In der Klinik St. Anna handelt es sich hier um eingespielte Teams mit den jeweiligen Experten auf dem entsprechenden Gebiet.

Einbezug der Nebendiagnosen sind entscheidend

Bei der Behandlung dieser Tumore werden modernste chirurgische Hilfsmittel wie Laser, Roboter u.a. eingesetzt. Das Ziel ist es, dem älteren Patienten eine minimalinvasiveMinimalinvasiv: Operativer Eingriff mit kleinstmöglichen Schnitten, auch Schlüsselloch-Chirurgie genannt. und schonende chirurgische Behandlung anzubieten. Sollte eine grössere Operation wie bei Peter Walliser anstehen – in seinem Fall eine Kehlkopfentfernung – so sind rekonstruktive Eingriffe, welche zu einem Funktionserhalt von Sprechen und Schlucken führen, häufig notwendig. Bei älteren Patienten können Nebendiagnosen wie Herzschwäche oder ein chronisches Nierenleiden eine entscheidende zusätzliche Rolle für den Therapieerfolg spielen – dementsprechend müssen diese Begleiterkrankungen berücksichtigt und in die aktuelle Therapie einbezogen werden.

Weiterbetreuung im Anschluss an die Operation

Je nach Eingriff findet die nachfolgende Betreuung auf verschiedenen Ebenen statt. Neben der Pflege und der Ernährungsberatung steht auch eine physiotherapeutische Rehabilitation im Vordergrund. Die verschiedenen Vorgänge werden jeweils vom HNO-Chirurgen und einem mitbetreuenden Internisten oder Endokrinologen überwacht. Wird nach der Operation eine zusätzliche Behandlung (Bestrahlung, radioaktive Jodbehandlung u. a.) notwendig, wird diese noch während des Spitalaufenthaltes organisiert.

Nachsorge

Hat der Patient die Behandlung erfolgreich abgeschlossen, wird er vom HNO-Chirurgen und seinem Team weiter betreut und kontrolliert. Dabei geht es in erster Linie darum, sicherzustellen, dass der Tumor nicht wieder an derselben oder einer anderen Stelle wächst, aber auch darum, soziale Probleme, Ernährungsprobleme etc. zu klären. Es werden regelmässige Blutentnahmen durchgeführt und der Hormonersatz wird – wenn nötig – den Bedürfnissen angepasst. In der Regel werden diese Nachsorgekonsultationen innerhalb von fünf Jahren in regelmässigen Abständen durchgeführt, je nach Situation und Wunsch auch lebenslänglich.

Bei Peter Walliser musste aufgrund des fortgeschrittenen Kehlkopfkrebses der Kehlkopf entfernt werden. Eine zusätzliche Bestrahlung wurde aufgrund der Grösse des Tumors nötig. Während der Operation wurde eine Stimmprothese eingesetzt, welche es Peter Walliser ermöglicht, weiterhin verbal mit der Umgebung zu kommunizieren und zu telefonieren.

 

Abb. 1
Stimmprothese