Neue Methode zur Behandlung von Rhythmusstörungen aus der Herzkammer

Von: Dr. med. Benjamin Berte

Themen: Herz

12. Dezember 2016 – Die lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern (Kammertachykardien) lassen sich mit einer neuen Therapiemethode effizienter und sicherer behandeln. Dabei muss die Rhythmusstörung für den Eingriff nicht mehr ausgelöst werden, da ein innovatives Bildgebungsverfahren die präzise Lokalisation der kranken Herzmuskelzellen ermöglicht.

Abb. 1

  1. Fusioniertes Bild aus CTCT/Computertomographie: Bildgebendes Verfahren der Radiologie, das mithilfe von Röntgenstrahlen Schichtbilder des menschlichen Körpers liefert und MRIMagnetresonanztomographie/Magnetic Resonance Imaging (MRI): Medizinisches Bildgebungs-Verfahren, das nach Lagerung des Patienten im MR-Gerät durch Veränderungen elektomagnetischer Felder Schnittbilder des menschlichen Körpers erstellt.. Die braune Fläche ist der Narbenbereich nach dem HerzinfarktHerzinfarkt: akuter Verschluss eines Herzkranzgefässes.
  2. 3D-Mapping (Landkarte) der elektrischen Aktivität des Herzens. In der purpurroten Fläche ist die Spannung normal. Bei den grünen und violetten Punkten liegen die kranken Herzmuskelzellen, deren elektrische Aktivität im ElektrokardiogrammElektrokardiogramm: EKG, Herzstromkurve, die die ­elektrische Aktivität des Herzes aufzeichnet links dargestellt wird (LAVA).
  3. RadiofrequenzablationRadiofrequenzablation (RFA): auch Mikrowelle genannt, lokale Therapie, mit der einzelne Tumoren verbrannt werden können mit einem Katheter, der über den linken Vorhof (transseptale PunktionTransseptale Punktion: Durchstechen der Herzscheidewand vom rechten zum linken Vorhof) in die linke Herzkammer gebracht wird. Die Punkte bezeichnen die Stellen, wo abladiert worden ist.

 

Eine Kammertachykardie ist eine Rhythmusstörung, die von den Herzkammern (VentrikelVentrikel: Herzkammer) ausgeht und zu einem Herzstillstand (KammerflimmernKammerflimmern: rasender Herzschlag und die häufigste Ursache für Herzstillstand) führen kann. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Patienten entsteht eine Kammertachykardie in einem sichtbaren Narbenbereich nach einem HerzinfarktHerzinfarkt: akuter Verschluss eines Herzkranzgefässes. Aber auch bei Patienten mit Narben aufgrund angeborener Erkrankungen oder Entzündungen des Herzens können Kammertachykardien auftreten.

Bei jedem HerzinfarktHerzinfarkt: akuter Verschluss eines Herzkranzgefässes sterben die Herzmuskelzellen im Versorgungsgebiet der verstopften Herzarterie ab. Eine tote Herzmuskelzelle kann keine Rhythmusstörungen hervorrufen, ebenso wenig eine daraufhin nachwachsende Bindegewebszelle. Hingegen gibt es in jeder Narbe Inseln von überlebenden Herzmuskelzellen, die «halbtot» immer noch elektrisch aktiv sind. In den Jahren nach dem HerzinfarktHerzinfarkt: akuter Verschluss eines Herzkranzgefässes verbinden sich diese Herzmuskelzellen zu elektrischen Leitungsbahnen, da sie eine grosse Regenerationsfähigkeit aufweisen. Wenn sich solche Leitungsbahnen sodann zu eigentlichen Impulsschlaufen ausbilden, können sie die elektrische Erregung kreisen lassen und so eine Kammertachykardie auslösen. Die Patienten verspüren Symptome wie Kurzatmigkeit, Bewusstseinsverlust, Brustschmerz und Herzklopfen. Wurde bei einem Patienten bereits ein intrakardialer Defibrillator (ICDICD: implantierbarer Cardioverter-Defibrillator. Der ICD ist ein Gerät, das durch einen Elektroschock ein plötzlich auftretendes Kammerflimmern beendet.) implantiert, sind elektrische Schockabgaben häufig.

Konservative Therapien

Die medikamentöse Standardbehandlung sind Betablocker, die gleichzeitig auch die Herzschwäche verbessern. Weil viele Patienten mit Kammertachykardien eine eingeschränkte Pumpfunktion aufweisen, ist eine Medikamentenbehandlung allerdings oft nur mit Amiodaron möglich. Der Nachteil dieses Wirkstoffes sind häufig auftretende und gefährliche Nebenwirkungen wie beispielsweise eine Lungenfibrose.

Eine weitere konservative Therapie ist die Implantation eines intrakardialen Defibrillators (ICDICD: implantierbarer Cardioverter-Defibrillator. Der ICD ist ein Gerät, das durch einen Elektroschock ein plötzlich auftretendes Kammerflimmern beendet.). Er beendet auftretende Kammertachykardien und verbessert die Verlaufsprognose. Die Abgabe von schmerzhaften Elektroschocks ist jedoch eine starke Belastung der Lebensqualität. Mehr noch: Häufig folgen auf die Schocks neue Herzrhythmusstörungen, die durch den Stress hervorgerufen werden. So kann die ICDICD: implantierbarer Cardioverter-Defibrillator. Der ICD ist ein Gerät, das durch einen Elektroschock ein plötzlich auftretendes Kammerflimmern beendet.-Therapie das Auftreten von Kammertachykardien auch begünstigen.

Konventionelle Ablation während der Rhythmusstörung

Die RadiofrequenzablationRadiofrequenzablation (RFA): auch Mikrowelle genannt, lokale Therapie, mit der einzelne Tumoren verbrannt werden können zur Behandlung von Kammertachykardien hat zum Ziel, die kranken Herzmuskelzellen in der Narbe zu eliminieren. Dazu wird über die Leiste ein spezieller Katheter ins Herz eingeführt, der unter Abgabe von Hochfrequenzstrom das kranke Herzgewebe erhitzt, sodass es verödet (AblationAblation: Entfernen von Körpergewebe). Üblicherweise setzt das voraus, dass die Kammertachykardie vorgängig ausgelöst wird, damit man sie mit einer Elektrode an der Katheterspitze lokalisieren kann (Mapping). Mögliche Probleme dabei sind, dass die Kammertachykardie entweder nicht ausgelöst werden kann oder aber dass sie zu schnell ist und der Blutdruck abfällt. Dann fehlt die Zeit, um den Ursprung der Rhythmusstörung zu lokalisieren. Aus diesen Gründen wird diese Ablationsmethode hauptsächlich bei einer hochselektionierten Patientenpopulation durchgeführt – mit einer Erfolgsquote von rund 50 Prozent.

Bildbasierte Ablation im Sinusrhythmus

Um diese Einschränkungen zu umgehen, sind neue Ablations-Strategien entwickelt worden. Sie machen die Narbe sichtbar und eröffnen so die Möglichkeit, die Patienten im normalen Herzrhythmus (SinusrhythmusSinusrhythmus: normaler, regelmässiger Herzschlag) zu behandeln. Das heisst, die Kammertachykardie muss nicht mehr ausgelöst werden. Dazu wird vor dem Eingriff ein Computertomogramm (CTCT/Computertomographie: Bildgebendes Verfahren der Radiologie, das mithilfe von Röntgenstrahlen Schichtbilder des menschlichen Körpers liefert) des Herzens erstellt, das die Wandverdünnung im Narbenareal im Detail zeigt. Wenn möglich wird zusätzlich eine MagnetresonanztomographieMagnetresonanztomographie/Magnetic Resonance Imaging (MRI): Medizinisches Bildgebungs-Verfahren, das nach Lagerung des Patienten im MR-Gerät durch Veränderungen elektomagnetischer Felder Schnittbilder des menschlichen Körpers erstellt. (MRIMagnetresonanztomographie/Magnetic Resonance Imaging (MRI): Medizinisches Bildgebungs-Verfahren, das nach Lagerung des Patienten im MR-Gerät durch Veränderungen elektomagnetischer Felder Schnittbilder des menschlichen Körpers erstellt.) durchgeführt, weil damit die Eigenschaften der Narbe dank der Kontrastmittel noch genauer dargestellt werden können. Die beiden Bilder werden analysiert und danach miteinander fusioniert, sodass ein sehr detailliertes, individuelles 3D-Herzmodell entsteht.

Während des Eingriffs wird dieses 3D-Herzmodell in eine ebenfalls dreidimensionale «Landkarte» der elektrischen Aktivität des Herzens integriert, die mit einem speziellen Katheter erzeugt wird (Mapping). Auf diese Weise entsteht nochmals ein exakteres Bild. Die elektrischen Potentiale der kranken Herzmuskelzellen, die auf ihm sichtbar sind, bezeichnet man als «lokale abnorme ventrikuläre Aktivität» (LAVA). Sie können nun sehr präzis und vollständiger als im herkömmlichen Verfahren mit einem Ablationskatheter eliminiert werden (vgl. Abb. 1). Der Eingriff dauert insgesamt drei bis fünf Stunden und erfordert einen Klinikaufenthalt von ein bis zwei Tagen.

Vorteile der bildbasierten Ablation

Die neue Ablationstechnik ist eine Revolution in der Therapie dieser Art von Herzrhythmusstörungen, weil man mit ihr dank der exakten Bildgebung die ganze Narbe bei normalem Herzschlag behandeln kann. Das bedeutet, dass auch potentiell neue Kammertachykardien verhindert werden können. Bei stabiler Narbe ist somit ein länger anhaltender Therapieeffekt zu erwarten als bei konservativen Therapien, die das Problem nur vorübergehend unterdrücken. In geübten Händen beträgt die Erfolgsrate 80 Prozent und mehr, selbst bei grossen Infarktnarben. Erste Arbeiten deuten zudem darauf hin, dass eine so erfolgte AblationAblation: Entfernen von Körpergewebe sogar die Implantation eines ICDICD: implantierbarer Cardioverter-Defibrillator. Der ICD ist ein Gerät, das durch einen Elektroschock ein plötzlich auftretendes Kammerflimmern beendet. unnötig machen kann. Ein grosser Vorteil ist schliesslich auch die erhöhte Sicherheit dank der detaillierten Darstellung der Anatomie des Herzens, der KoronararterienKoronararterie: Die das Herz umgebenden Arterien werden Koronararterien oder Herzkranzgefässe genannt. Sie versorgen den Herzmuskel mit Blut. und des Zwerchfellnervs. Entwickelt wurde diese innovative Ablationstechnik an der Universität Bordeaux, einem weltweit führenden Zentrum für die Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Seit Oktober 2015 werden damit auch an der Klinik Im Park erste Patienten mit grossem Erfolg behandelt.